Soziale Aspekte von Grünflächen

Stadtgrün: Anspruch & Wirklichkeit

Der Berliner Senat sagt, dass jedem Berliner 6 qm öffentliche Grünfläche in seinem Bezirk zustehen sollen. In Berlin erfüllt nur Treptow – Köpenick diesen Anspruch. In Berlin wurden seit 1996 über 1.000 Stellen in bezirklichen Grünflächenämtern ersatzlos gestrichen und der Haushalt der Grünflächenämter um über 66% gekürzt. Einerseits will das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf aus Fremdmitteln den kleinen Park am Olivaer Platz für 2,5 Millionen Euro gegen den Willen der Anwohner, denen ein wenig Pflege des Parks schon ausreichen würde, umgestalten. Andererseits sollen im Bezirk die noch bestehenden Grünflächen und Kleingärten nach dem Motto „Wir wollen Wohnungen bauen“ weitgehend bebaut und somit der bereits geringe Grünflächenanteil weiter verringert werden.

Die lebenswerte Stadt wird Gewinninteressen geopfert

Das „Prinzip Stadt“ basiert auf dem Mix verschiedener gesellschaftlicher Schichten die sich in Freiräumen begegnen und vermischen. Nur wenn die Stadt zusammen mit einem vielfältigen Lebens- und Arbeitsumfeld das direkte Neben- und Miteinander unterschiedlicher Nutzung bietet funktioniert sie Stadt. Ziel jeder Stadtpolitik und Entwicklung muss daher die Schaffung von möglichst gleichwertigen Lebensbedingungen für alle Stadtbewohner sein. Das bedeutet auch für sozial benachteiligte Gruppen u. a. die Möglichkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das Recht auf menschenwürdiges Wohnen und Arbeiten und das Recht auf eine gesunde Umwelt.

Das lange Zeit erarbeitete „Prinzip Stadt“ mit verschiedenen Erfahrungsräumen, heterogenen Strukturen und der Vielfalt der Bewohner weicht dem Interesse von Investoren die kurzfristig planend sich gewinnorientiert Grundstücke suchen und Berlin mit Eigentumswohnungen, die sich Durchschnitts-Berliner kaum leisten können, überschwemmen.

Die Folge des ungebremsten Zuzugs in die Großstädte, einschließlich Berlin, ist ein rasanter Anstieg des Wohnraumbedarfes. Die hilflose Reaktion der konzeptlosen Berliner Politik gipfelt darin Investoren die Stadtplanung zu überlassen und gesellschaftliche Bedürfnisse zu ignorieren. Auch die kleinste Grünfläche soll dem Bedarf neuer Wohnungen geopfert werden. Das ist politischer Wildwuchs ohne langfristiges Denken oder Planung. Große Kleingartenkolonien (Oeynhausen, Norderney/Wiesbaden) und Friedhöfe sollen aufgegeben und auch auf den letzten Grünanlagen in bereits dicht bebautem Wohngebieten (Cornelsenwiese) soll der Bau von Wohnungen genehmigt werden.

Bauliche Verdichtung führt zu Verdrängung und Konflikten

Bauliche Verdichtung des schon dicht bebauten Stadtkerns führt infolge höherer Ausnutzung der Grundstücke durch Bodenpreissteigerungen zu Verdrängung von sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen sowie von kleinen und mittleren Betrieben, auch des Einzelhandels. Die wohnortnahe Versorgung verschlechtert sich. Die führt nicht nur zu einer Benachteiligung der in ihrer Mobilität eingeschränkten Berliner sondern auch zu einem deutlich höheren Verkehrsaufkommen. Der Freiflächenanteil pro Person sinkt gerade in der Innenstadt wo es schon Mangel an Grünflächen gibt.

DIE Folge: Der Nutzungsdruck auf kleine Oasen, aber auch große Parks und Freiflächen wächst. Auf den verbleibenden öffentlichen Grünflächen kommt es in der Folge zu massiven Nutzungskonflikten: alt gegen jung, Kinder gegen Alte, Radfahrer gegen Spaziergänger, Behinderte gegen Gesunde. Gentrifizierung, die Verdrängung der bisherigen Bewohner eines Viertels, macht nicht vor der Mittelklasse halt und zerstört das „Prinzip Stadt“ als Lebensform. Eine funktionierende Stadt braucht aber Platz für alle.

Grünflächen fördern das soziale Miteinander

Wohnortnahes Grün hat soziale Funktion durch Zusammenführung von Menschen unterschiedlichen Alters und Herkunft. Die Bedeutung von Grünflächen und Kleingärten liegt in ihrer Funktion für Wohnqualität, Naherholung, Freizeit und ökologisch-klimatischen Ausgleich. Das Berliner Stadtgrün hat sich zu einem Teil attraktiver Urbanität gemausert. Städtisches Grün hat Bänke zum Ausruhen, die in manch einer in der kommerzialisierten Innenstadt schmerzlich vermisst werden. Stadtgrün, sei es ein Kleingarten, Parkanlagen oder eine Wiese, ist ein schützenswertes kollektives Gut das allen zugute kommt. Öffentliche Güter sind Ausdruck einer Demokratie, in der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, Solidarität und Kooperation einen hohen Stellenwert haben. Funktioniert dies nicht kommt es zu sozialen Spannungen. Die massiven gewalttätigen Unruhen in Frankreich besonders gegen Ende 2005 zeigen, welch gefährlicher Sprengstoff sozialer Probleme hier schlummert.

Kinder und Familien brauchen städtische Grünflächen

600.000 Berliner Kinder und Jugendliche und 80% der Berliner Erwachsenen nutzen regelmäßig öffentliche Grünanlagen. Kinder brauchen große Flächen als Naturerlebnisräume mit einer robusten Natur, wo auch schon mal ein Ast abgebrochen, Blumen gepflückt, oder Rad gefahren werden kann. Für Kinder findet in Wohnortnähe die alltägliche Erholung statt: Radfahren, in der Sonne liegen, lesen, den Hund ausführen. Stadtgrün fördert laut Wissenschaftlern auch gesundheitliche Effekte. Besonders die Bewegung im Grünen, aber auch subjektives Wohlbefinden und Lärm- und Schadstoffminderung spielen für Kinder eine große Rolle.

Früher war es üblich, dass Kinder draußen spielten, meist wenig oder nicht beaufsichtigt. Mit Einzug der Medienvielfalt und zunehmender Verhäuslichung der Kindheit hat der Anteil des Aufenthaltes außerhalb der Wohnung deutlich abgenommen. Damit einher gingen Reizüberflutung und Bewegungsarmut. In allen Untersuchungen über das Verhalten von Kindern stellte sich heraus, dass jede Art von Spielen außerhalb der Wohnung zur Verbesserung der Kondition, der Motorik, der Konzentrationsfähigkeit und des sozialen Miteinanders beitragen.

In einer Befragung von 9 bis 14 Jahre alten Kindern wurde das Vorhandensein von naturnahen Freiräumen in der näheren Wohnumgebung wurde grundsätzlich von einer breiten Mehrheit als positiv und sehr positiv beurteilt. 70 Prozent sind der Auffassung in der Natur so sein zu dürfen, wie sie sind. Spielen heißt Erfolgserlebnisse haben und Selbstvertrauen zu festigen. Dabei ist nicht erforderlich, teure Spielflächen neu zu schaffen, sondern es können auch geeignete Brachen und andere naturbelassene Räume für gefahrloses Spielen zur Verfügung gestellt werden.

GRÜN statt Beton

Grünflächen zur Erholung entscheiden darüber, ob eine Region als lebenswerter Standort zum Wohnen wahrgenommen wird oder nicht.

Grünflächen sind der drittwichtigste Grund sich für einen Wohnort zu entscheiden. Sie entscheiden über die Attraktivität einer Stadt!